ESC 2026: Zweites Halbfinale – solide Show, schwache Moderation, kein 2015

Eurovision Song Contest 2026 (über Corinne Cumming/EBU)
Eurovision Song Contest 2026 (über Corinne Cumming/EBU)

Das zweite Halbfinale des 70. Eurovision Song Contests ist Geschichte. 15 Länder kämpften am Donnerstagabend um zehn Finalplätze, die Show lief technisch weitgehend fehlerfrei – und trotzdem bleibt nach dem Abend ein leises Unbehagen. Der ESC 2026 ist bislang eine ordentliche Veranstaltung. Mehr nicht.

Opening Act: Wasted Boat – lustig, aber nicht mehr

Den Auftakt des Abends gestaltete „Wasted Boat“ – eine humorvolle Einlage, die für Schmunzeln sorgte, aber letztlich auch nicht mehr als das war. Auf dem Niveau einer globalen Jubiläumsshow mit 160 Millionen Zuschauern darf man sich etwas mehr erhoffen als einen netten Gag. Lustig, ja. Unvergesslich, nein. Der Einstieg in den Abend hätte mutiger sein können.

Die Auftritte: Wenige Fehler, Österreich überrascht

Technisch war der Abend solide. Die Bühne funktionierte, die Kameras lieferten – der cinematografische Ansatz mit Arri-Kameras zahlt sich in einzelnen Momenten durchaus aus. Die Acts selbst blieben weitgehend fehlerfrei, was nach den Probeneindrücken der vergangenen Tage so nicht unbedingt zu erwarten war.

Die positive Überraschung des Abends kam vom Gastgeber selbst: COSMÓ trat mit „Tanzschein“ außer Konkurrenz auf – und lieferte eine Performance, die deutlich stärker war als die Probeneindrücke der Vortage vermuten ließen. Ob das am Heimvorteil, an der Energie der ausverkauften Halle oder schlicht an einem besseren Abend lag: COSMÓ zeigte, dass in dem Beitrag mehr steckt als die Buchmacher glauben.

Die Interval Acts: Ein starker Moment, zwei nette

Das Herzstück der Pause lieferte JJ. Der österreichische ESC-Gewinner 2025 performte seinen neuen Song „Unknown“ als Interval Act – und das war mit Abstand der stärkste Moment des gesamten Abends. Die Halle war still, die Performance war konzentriert, die Stimme makellos. Ein Auftritt, der zeigte, warum JJ den ESC 2025 gewonnen hat – und der dem Abend genau den emotionalen Höhepunkt gab, den er bis dahin vermissen ließ.

Victoria Swarovski und Michael Ostrowski performten gemeinsam „I’m So Excited“ – eine Einlage, die durchaus gepasst hat und dem Duo die Möglichkeit gab, sich jenseits der Moderation zu zeigen. Kein unvergesslicher Moment, aber ein solider und stimmungsvoller Beitrag zur Show-Dramaturgie.

Der Wiener Walzer-Moment hingegen war nett – aber leider zu kurz, um sich wirklich darauf einzulassen. Die Idee, klassische Wiener Tanzkultur in den ESC-Abend zu weben, ist richtig und passend. Die Umsetzung blieb jedoch so flüchtig, dass der Moment verpuffte, bevor er sich entfalten konnte. Hier wäre mehr drin gewesen.

Die Moderation: Provinziell statt weltgewandt

Das ist der wunde Punkt des Abends – und nach zwei Halbfinalen genug Auftritte, um ein Urteil zu fällen. Victoria Swarovski und Michael Ostrowski haben gezeigt, dass sie gut miteinander können und die Rollenverteilung grundsätzlich funktioniert. Aber „grundsätzlich funktioniert“ ist für eine Show, die 160 Millionen Menschen weltweit schauen, zu wenig.

Ostrowski bringt Schmäh, wo internationale Leichtigkeit gefragt wäre. Swarovski moderiert korrekt, aber ohne die Strahlkraft, die eine solche Bühne verlangt. Das Duo wirkt in Momenten wie eine gute österreichische Samstagabendshow – und nicht wie die Moderation des größten Musikwettbewerbs der Welt. Der Vergleich mit Mirjam Weichselbraun, Arabella Kiesbauer und Alice Tumler 2015 ist unfair – aber er drängt sich auf. Damals hatte die Moderation Haltung, Würde und internationale Anschlussfähigkeit. Das fehlt 2026.

Das große Bild: ESC-light in Wien

Es ist Zeit, es auszusprechen: Der ESC 2026 ist bisher eine abgespeckte Version seiner selbst. Die Produktion ist solide, die Bühne ist schön, die Technik funktioniert. Aber der Funke, der einen großen ESC ausmacht, springt nicht über.

2015 hatte Wien einen ESC, der Geschichte schrieb – in der Moderation, in der gesellschaftlichen Wirkung, in der Dichte der Auftritte. Die gleichgeschlechtlichen Ampelpaare, das dreiköpfige Moderationsteam, Conchita im Green Room – das war ein Gesamtkunstwerk mit Haltung. 2026 ist ein gut organisiertes Event mit angenehmer Atmosphäre und wenig Substanz dahinter.

Das kann sich am Samstag ändern. Das Finale hat das Potential, die ersten beiden Abende zu überstrahlen. JJs Auftritt heute Nacht hat gezeigt, zu welchen Momenten dieser ESC fähig ist – wenn er sich traut. Aber die Messlatte, die 2015 gelegt wurde, ist in Wien 2026 bislang unerreicht.

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