ZDF: Ein Volo ist kein Casting! Warum Followerzahlen im öffentlich-rechtlichen Journalismus fehl am Platz sind

ZDF (über cozmo news/pixabay)
ZDF (über cozmo news/pixabay)

Darf man in einer Volontariatsbewerbung nach Followerzahlen fragen? Man kann – aber man sollte es nicht. Die aktuelle Debatte, ausgelöst durch Aussagen aus dem direkten Umfeld des ZDF, zeigt ein grundlegendes Missverständnis darüber, was journalistische Ausbildung leisten soll. Wenn Reichweite zum impliziten Auswahlkriterium wird, verschiebt sich der Maßstab: weg von Inhalt, Haltung, Recherchekompetenz und Lernfähigkeit – hin zu Sichtbarkeit, Plattformlogiken und algorithmischer Belohnung.

Followerzahlen sagen nichts Verlässliches über journalistisches Talent aus. Sie lassen sich kaufen, manipulieren oder mit Inhalten erzielen, die mit Journalismus nichts zu tun haben. Wer Unterhaltung, Lifestyle oder private Selbstdarstellung beherrscht, ist nicht automatisch besser geeignet für Recherche, Einordnung und Verantwortung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Soziale Reichweite ersetzt keine redaktionelle Ausbildung

Die Argumentation, Reichweite eröffne Chancen für Menschen ohne klassische Zugänge, klingt zunächst inklusiv. Tatsächlich kehrt sie soziale Ungleichheit nur um. Denn wer Zeit, Technik, Selbstvermarktungswissen und emotionale Dauerverfügbarkeit für Social Media aufbringen kann, ist nicht automatisch privilegienfrei. Im Gegenteil: Das Modell begünstigt jene, die sich neben Studium oder Ausbildung zusätzlich als eigene Marke etablieren konnten – nicht jene, die sich intensiv mit Themen, Recherche oder Schreiben beschäftigt haben.

Journalismus ist kein Nebenprodukt von Social Media. Er ist ein Handwerk, das gelernt, begleitet und kritisch reflektiert werden muss. Genau dafür gibt es Volontariate.

Das ZDF setzt auf Inszenierung statt Substanz

Besonders problematisch ist die Inszenierung des Auswahlverfahrens selbst. Ein zweiminütiger „Volontariats-Pitch“, Uploads auf YouTube, TikTok oder Instagram, Live-Auftritte in umgebauten Aufzügen – das alles mag Aufmerksamkeit erzeugen, hat aber mit journalistischer Nachwuchsförderung wenig zu tun.

Wer Bewerbungsvideos, Plattform-Uploads, Präsenztermine ohne Remote-Option, mehrstufige Auswahlverfahren und faktische Reiseverpflichtungen verlangt, baut hohe Hürden auf. Das Verfahren wirkt weniger wie Ausbildungsauswahl – und mehr wie ein Castingformat. Das passt zu privaten Medienhäusern, nicht zu einem beitragsfinanzierten Sender mit Bildungsauftrag.

Journalismus braucht keine Influencer-Logik

Die zentrale Frage lautet: Will das ZDF Journalistinnen und Journalisten ausbilden – oder günstige Reichweitenverstärker rekrutieren? Wer Followerzahlen abfragt, sendet ein Signal: Sichtbarkeit zählt. Algorithmische Anschlussfähigkeit zählt. Selbstvermarktung zählt. Inhalt, Erfahrung und Entwicklungspotenzial geraten ins Hintertreffen. Genau das verschärft die Krise des Journalismus, statt sie zu lösen.

Es gibt bereits genug Unprofessionelles, Lautes und Ungeprüftes in sozialen Netzwerken. Öffentlich-rechtlicher Journalismus sollte Gegenmodell sein – nicht Anpassung.

Fazit

Followerzahlen haben nichts mit Ausbildungseignung zu tun. Ein Volontariat ist kein Influencer-Programm. Und der öffentlich-rechtliche Rundfunk sollte Talente fördern, nicht vorsortieren nach Plattformlogiken. Wenn Journalismus mehr als Reichweite sein soll, müssen Bewerbungen das auch widerspiegeln.

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